
Das letzte Aufbäumen des Gaslichts: Carl Auer von Welsbach und das Wunder des Glühstrumpfs
Das späte 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der rasanten Umbrüche, insbesondere wenn es um die Eroberung der Dunkelheit ging. Als Thomas Alva Edison 1879 seine Kohlefadenlampe präsentierte, schien das Schicksal der etablierten Gasbeleuchtung besiegelt. Die Zeitungen feierten das elektrische Licht als saubere, sichere und flimmerfreie Zukunft. Die Aktienkurse der Gasgesellschaften stürzten in den Keller, und die Direktoren der städtischen Gaswerke sahen dem baldigen Ruin entgegen. Doch der endgültige Siegeszug der Elektrizität wurde um Jahrzehnte verzögert – und zwar durch eine ebenso fragile wie geniale Erfindung eines österreichischen Chemikers. Sein Name war Carl Auer von Welsbach, und seine Erfindung, der sogenannte Glühstrumpf, sollte das Gaslicht in eine nie gekannte Brillanz tauchen.
Um die Bedeutung von Auer von Welsbachs Arbeit zu verstehen, muss man sich die damalige Gasbeleuchtung vergegenwärtigen. Vor seiner Erfindung verließen sich Straßenlaternen und Wohnraumleuchten auf den offenen Gasbrenner, oft in Form des sogenannten Schnitt- oder Fischschwanzbrenners. Dieses Licht war trübe, gelblich, rußte stark und flackerte bei jedem Luftzug. Es war mehr ein Glimmen als ein Leuchten. Edison bot dagegen ein konstantes, helleres Licht. Die Gasindustrie brauchte dringend ein Wunder, um wettbewerbsfähig zu bleiben – und dieses Wunder fand sich nicht in der Mechanik, sondern in der Chemie der Seltenen Erden.
Carl Auer von Welsbach hatte bei dem berühmten Chemiker Robert Bunsen in Heidelberg studiert. Bunsen hatte den nach ihm benannten Brenner erfunden, der eine heiße, aber kaum leuchtende blaue Flamme erzeugte. Auer von Welsbach experimentierte in den 1880er Jahren mit dieser Flamme und verschiedenen chemischen Elementen. Er entdeckte, dass bestimmte Metalle, wenn man sie stark erhitzte, ein bemerkenswert helles Licht abgaben. Seine bahnbrechende Idee war es, ein feines Gewebe aus Baumwolle zu stricken – ähnlich einem kleinen Säckchen oder Strumpf – und dieses in eine Lösung aus Salzen der Seltenen Erden zu tauchen.
Der wahre Durchbruch gelang ihm 1891 mit der perfekten Mixtur: 99 Prozent Thoriumdioxid und 1 Prozent Cerdioxid. Die Anwendung war ein faszinierendes Schauspiel. Wenn der präparierte Baumwollstrumpf zum ersten Mal über der Gasflamme angezündet wurde, verbrannte der Stoff vollständig. Zurück blieb lediglich ein hauchdünnes, extrem zerbrechliches "Aschengerüst" aus den Oxiden der Metalle. Sobald das heiße Gas dieses fragile Gerüst umströmte, begann es in einem intensiven, strahlend weißen Licht zu glühen. Der Glühstrumpf, auch Auerlicht genannt, war geboren.
Die Auswirkungen dieser Erfindung waren monumental. Der Glühstrumpf steigerte die Lichtausbeute der Gasflamme um das Fünf- bis Sechsfache, während der Gasverbrauch gleichzeitig um mehr als die Hälfte sank. Die Wärmeentwicklung, ein großes Problem in Wohnräumen, wurde drastisch reduziert, und das lästige Rußen gehörte der Vergangenheit an. Plötzlich war das Gaslicht wieder deutlich billiger und sogar heller als Edisons frühe Kohlefadenlampen. Städte wie Wien, Berlin und London erstrahlten in einem völlig neuen, kalt-weißen Glanz. Der Glühstrumpf rettete die Gasindustrie und bescherte ihr eine unerwartete Renaissance, die bis weit ins 20. Jahrhundert andauerte. Noch heute zeugen historische Gaslaternen in einigen europäischen Metropolen von dieser Technik.
Doch die Ironie der Geschichte wollte es, dass Carl Auer von Welsbach nicht nur der Retter des Gaslichts, sondern später auch ein Pionier der elektrischen Beleuchtung wurde. Als brillanter Wissenschaftler erkannte er, dass der Glühstrumpf zwar ein genialer Aufschub, die Elektrizität aber unaufhaltsam war. Die Schwachstelle der elektrischen Lampen jener Zeit war Edisons Kohlefaden, der nicht heiß genug glühen konnte, ohne zu verdampfen, und daher viel Strom verbrauchte. Auer von Welsbach nutzte sein Wissen über hochschmelzende Metalle und erfand 1898 die Osmiumlampe. Es war die erste kommerziell nutzbare Glühlampe mit einem Metallfaden.
Diese Osmiumlampe verbrauchte bei gleicher Helligkeit nur halb so viel Strom wie die Kohlefadenlampe und war deutlich langlebiger. Sie bereitete den Weg für die spätere Verwendung von Wolfram als Glühfaden – eine Technik, die das elektrische Licht im 20. Jahrhundert universell machte. Die Kombination der Elemente Osmium und Wolfram führte schließlich zur Schaffung eines der berühmtesten Markennamen der Beleuchtungsindustrie: Osram.
Carl Auer von Welsbach ist somit eine absolut einzigartige Figur in der Geschichte der Lichttechnik. Er schuf das hellste Licht für das Ende der Gasära und ebnete gleichzeitig den Weg für die Effizienz der elektrischen Epoche. Sein Wirken zeigt auf faszinierende Weise, wie sich chemische Grundlagenforschung in alltägliche Magie verwandeln lässt – in das Licht, das unsere Nächte erhellt, unsere Städte sicherer macht und das Design unserer Wohnräume bis heute prägt. Wer heute eine Straßenlaterne betrachtet oder das warme Licht einer Glühlampe genießt, blickt unweigerlich auf das Erbe dieses genialen österreichischen Erfinders zurück.