Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Die Verwandlung des Lichts: Wie die Castiglioni-Brüder mit der Cocoon-Technik Designgeschichte schrieben
Montag, 26. Januar 2026

Die Verwandlung des Lichts: Wie die Castiglioni-Brüder mit der Cocoon-Technik Designgeschichte schrieben

Wenn wir an italienisches Lichtdesign der Nachkriegszeit denken, kommen uns oft glänzendes Chrom, kühler Marmor oder bunter Kunststoff in den Sinn. Doch eine der poetischsten Revolutionen in der Geschichte der Beleuchtung begann nicht mit einem harten Material, sondern mit einem feinen, klebrigen Nebel, der eigentlich für die amerikanische Armee gedacht war. Es ist die Geschichte der „Cocoon“-Leuchten – jener geheimnisvollen Lichtskulpturen, die aussehen, als hätten riesige Seidenraupen ein Drahtgestell eingesponnen, um ein warmes, diffuses Leuchten in unsere Wohnzimmer zu bringen. Im Zentrum dieser Innovation standen die visionären Brüder Achille und Pier Giacomo Castiglioni sowie der junge Tobia Scarpa, die in den frühen 1960er Jahren eine Militärtechnologie in reine Poesie verwandelten.

Die Geschichte beginnt kurioserweise fernab von Designstudios, nämlich bei der US-Armee. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte das Militär nach einer effizienten Methode, um stillgelegte Kriegsschiffe, Jeeps und Ausrüstung vor Witterungseinflüssen zu schützen, ohne sie in riesige Lagerhallen verfrachten zu müssen. Die Lösung war ein polymerer Kunststoff, der mit einer Sprühpistole aufgetragen wurde. Beim Versprühen verbanden sich die feinen Fäden in der Luft zu einer dichten, spinnwebenartigen Haut, die sich über die Geräte legte und sie wie in einem Kokon versiegelte. Dieses Verfahren, bekannt als „Mothballing“, war rein pragmatisch, hässlich und funktional.

Der Importeur Arturo Eisenkeil aus Meran brachte dieses Material nach Italien, in der Hoffnung, es für Verpackungszwecke zu nutzen. Doch Eisenkeil hatte einen Sinn für Ästhetik und suchte nach kreativen Anwendungen. Er kontaktierte die Architekten Achille und Pier Giacomo Castiglioni sowie Tobia Scarpa. Als die Designer sahen, wie sich das Material verhielt – wie es sich elastisch über Hohlräume spannte und dabei eine organische, pergamentartige Struktur bildete – erkannten sie sofort das Potenzial für das Lichtdesign. Sie verstanden, dass dieses Material nicht dazu dienen sollte, Dinge zu verstecken, sondern das Licht selbst zu formen.

Die Technik war so simpel wie genial: Man nehme ein Skelett aus gebogenem Stahldraht, das die Grundform der Leuchte vorgibt. Dieses Gestell wird auf eine Drehscheibe gestellt. Während es sich dreht, sprüht ein Handwerker das Polymerharz Schicht für Schicht darauf. Zuerst bilden sich feine Brücken zwischen den Drähten, dann verdichtet sich das Netz, bis schließlich eine geschlossene, elastische Haut entsteht. Zum Schluss wird die Hülle mit einer transparenten Schutzschicht versiegelt. Das Ergebnis waren Leuchten wie die „Viscontea“, die „Taraxacum“ (beide 1960 von den Castiglionis entworfen) oder die „Fantasma“ von Tobia Scarpa. Diese Objekte wirkten nicht wie industriell gefertigte Produkte, sondern wie biologische Organismen, die von innen heraus glühten.

Das Licht, das durch diese „Cocoon“-Haut drang, besaß eine Qualität, die mit herkömmlichem Glas oder Metall nicht zu erreichen war. Es war vollkommen blendfrei, weich und warm. Die Textur des Materials, mit seinen zufälligen Verdichtungen und feinen Adern, gab dem Licht eine fast greifbare Tiefe. Es erinnerte an japanische Papierlaternen, war aber robuster und formbarer. Die Formen selbst waren fließend und organisch; die „Viscontea“ etwa gleicht einem futuristischen Bienenstock oder einem exotischen Samenstand, der im Raum schwebt. Die „Gatto“ (die Katze), eine Tischleuchte, sitzt wie ein leuchtendes, weiches Tier auf dem Möbelstück.

Historisch gesehen war dieser Moment der Experimentierfreude auch der Zündfunke für die Gründung einer der wichtigsten Leuchtenfirmen der Welt: Flos. Das Unternehmen wurde 1962 gegründet, um genau diese Cocoon-Leuchten zu produzieren. Während andere Hersteller noch versuchten, die Glühbirne hinter Stoffschirmen zu verstecken, machten die Castiglionis die Hülle selbst zum Ereignis. Sie zeigten, dass modernes Design nicht immer glatt und perfekt geometrisch sein muss, sondern auch unregelmäßig, taktil und geheimnisvoll sein kann.

Heute, über 60 Jahre später, haben diese Entwürfe nichts von ihrer Faszination verloren. In einer Zeit, in der wir von digitaler Präzision und kühlem LED-Licht umgeben sind, bietet die Cocoon-Technik einen fast archaischen Kontrapunkt. Sie erinnert uns daran, dass Licht mehr ist als nur Helligkeit – es ist Atmosphäre. Die Leuchten der Castiglioni-Brüder sind Beweis dafür, dass wahre Innovation oft dort entsteht, wo man Technologien zweckentfremdet und den Mut hat, in einem Abdeckmaterial für Panzer die zarte Haut einer neuen Design-Ikone zu sehen.