Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Die Geometrie des Papiers: Wie die Familie Klint das Licht in Falten legte und eine dänische Designikone schuf
Sonntag, 21. Juni 2026

Die Geometrie des Papiers: Wie die Familie Klint das Licht in Falten legte und eine dänische Designikone schuf

Die Geschichte des modernen Lichtdesigns wird oft als ein Triumphzug von Metall, Glas und industrieller Fertigung erzählt. Man denkt an die strengen Stahlrohre des Bauhaus, das schwere Gusseisen früher Fabrikleuchten oder die Space-Age-Kunststoffe der sechziger Jahre. Doch parallel zu dieser lauten, maschinengetriebenen Revolution vollzog sich in Dänemark eine viel leisere – eine, die lediglich ein scharfes Messer, ein Lineal und ein Stück Papier benötigte. Es ist die Geschichte der Familie Klint, die mit ihren meisterhaft gefalteten Lampenschirmen nicht nur eine globale Designikone schuf, sondern auch das Fundament für das legte, was wir heute unter warmem, skandinavischem Licht verstehen.

Alles begann im Jahr 1901 mit einem architektonischen Problem. Der renommierte dänische Architekt und Ingenieur Peder Vilhelm Jensen-Klint, der später durch die expressionistische Grundtvigskirche in Kopenhagen Weltruhm erlangen sollte, hatte eine Steingut-Petroleumlampe entworfen. Doch keiner der handelsüblichen Lampenschirme aus Glas oder Stoff schien zu den klaren, skulpturalen Linien seiner Kreation zu passen. Jensen-Klint, ein Mann, der zeitlebens nach einer Symbiose aus Funktion und handwerklicher Perfektion suchte, nahm kurzerhand ein Stück Papier. Er begann es zu falten – nicht wild und chaotisch, sondern nach strengen mathematischen Prinzipien, ähnlich dem japanischen Origami. Das Ergebnis war ein kreuzplissierter Schirm, der das Licht sanft streute und die Lampe in ein warmes, blendfreies Leuchten tauchte.

Was als private Bastelei für den Eigengebrauch begann, entwickelte sich bald zu einer Klint'schen Familientradition. Das Falten der Schirme wurde zu einer abendlichen Beschäftigung im Hause Klint, bei der Freunde und Familie zusammenkamen, um Papier in komplexe dreidimensionale Formen zu zwingen. Es waren jedoch Jensen-Klints Söhne – der spätere Architektur-Professor und "Vater des dänischen Möbeldesigns" Kaare Klint sowie sein Bruder Tage Klint –, die das Potenzial dieses scheinbar einfachen Hobbys erkannten.

Der entscheidende technische Durchbruch, der das Konstrukt von einem bloßen Bastelprojekt zu einem ernstzunehmenden Beleuchtungsprodukt machte, gelang Tage Klint im Jahr 1943. Er erfand den sogenannten "Greifkragen" (Gribekrave). Durch eine geniale Falttechnik an der oberen Öffnung des Schirms konnte dieser nun durch seine eigene elastische Spannung fest auf dem Drahtgestell der Leuchte sitzen, ganz ohne zusätzliche Schnüre, Klemmen oder Klebstoffe. Im selben Jahr wagte Tage Klint den Schritt in die Professionalität und gründete das Unternehmen Le Klint, benannt nach seiner Tochter Lise Le Klint.

Doch es war Kaare Klint, der die Ästhetik der Faltschirme auf ein völlig neues Level hob. Im Jahr 1944 entwarf er das Modell 101, das bald unter dem liebevollen Spitznamen "Fruchtlampe" (Frugtlygten) oder auch "Klantern" weltbekannt werden sollte. Diese Leuchte war ein Meisterstück der angewandten Geometrie. Kaare Klint schuf eine vollständig geschlossene Form – eine leuchtende, sanft strukturierte Kugel, die aus einem einzigen rechteckigen Bogen gefaltet wurde. Sie umschloss die Glühbirne komplett, wodurch das Licht aus jedem Blickwinkel absolut blendfrei in den Raum trat. Es war die ultimative Zähmung der elektrischen Glühbirne durch die Poesie des Papiers.

Die Faszination für die Klint-Leuchten liegt in ihrem meisterhaften Spiel mit Licht und Schatten. Durch die plissierte Struktur entstehen unzählige feine Kanten. Jede Falte fängt das Licht auf der einen Seite ein und wirft auf der anderen Seite einen weichen Schatten. Dieser Rhythmus aus Hell und Dunkel verleiht dem Lampenschirm eine fast organische Lebendigkeit. Wenn die Leuchte eingeschaltet ist, wirkt sie nicht wie ein technischer Apparat, sondern vielmehr wie ein glühender Fremdkörper, der den Raum mit einer unvergleichlichen Gemütlichkeit – dem Inbegriff des dänischen "Hygge" – erfüllt.

Was das Konzept von Le Klint im Kontext der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts so einzigartig macht, ist die kompromisslose Weigerung, sich der vollständigen maschinellen Automatisierung zu unterwerfen. Trotz zahlreicher Versuche von Ingenieuren im Laufe der Jahrzehnte, Maschinen für die komplexe Kreuzplissierung zu entwickeln, scheiterten diese stets an der Präzision und dem Feingefühl, die für die letzten, entscheidenden Faltenschläge nötig sind. Bis heute werden die Schirme von Le Klint im dänischen Odense von spezialisierten "Faltmädchen" (Foldepiger) in monatelanger Ausbildung erlernt und in reiner Handarbeit gefaltet. Die Symbiose aus mathematisch berechneter Geometrie und menschlichem Fingerspitzengefühl blieb unangetastet.

Im Laufe der Zeit adaptierte das Unternehmen seine Methoden an moderne Anforderungen. Anstelle von empfindlichem Papier wird heute oft spezielle, antistatische PVC-Folie verwendet, die waschbar und langlebiger ist, ohne die optischen Eigenschaften des Originals zu verlieren. Doch der Kern der Idee – die Umwandlung einer zweidimensionalen Fläche in einen dreidimensionalen Lichtwandler durch reine Geometrie – blieb unverändert.

Die Familie Klint bewies der Welt, dass Lichtdesign nicht zwangsläufig die Verwendung teurer Metalle oder komplexer Maschinen erfordert. Ihre Erfindung zeigte, dass tiefes Verständnis für Form, Mathematik und das Verhalten von Licht ausreicht, um aus dem simpelsten aller Materialien ein zeitloses Meisterwerk zu erschaffen. In einer Welt, die immer schneller und technologisierter wurde, blieben die gefalteten Schirme von Le Klint ein Monument der Ruhe, der Handwerkskunst und des unaufdringlichen, perfekten Lichts.