Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Die Leuchte des Kommissars: Christian Dell und der Kult um die Kaiser Idell
Mittwoch, 21. Januar 2026

Die Leuchte des Kommissars: Christian Dell und der Kult um die Kaiser Idell

Wenn wir an die klassische Ästhetik eines Film-Noir-Büros oder eines deutschen Krimis der 60er und 70er Jahre denken, taucht fast augenblicklich ein bestimmtes Bild vor unserem inneren Auge auf: Ein schwerer Holzschreibtisch, Rauchschwaden, die in der Luft hängen, und ein markanter Lichtkegel, der auf Akten oder Verdächtige gerichtet ist. Die Quelle dieses Lichts ist oft eine ganz bestimmte Tischleuchte, die mit ihrer asymmetrischen Form und ihrem kühlen Industriedesign Geschichte geschrieben hat. Es handelt sich um die Kaiser Idell, genauer gesagt das Modell 6631 Luxus. Doch hinter diesem als „Kommissar-Leuchte“ bekannt gewordenen Objekt steckt weit mehr als nur eine Requisite der Fernsehgeschichte; es ist die Geschichte von Christian Dell und der Perfektionierung des deutschen Industriedesigns.

Christian Dell, geboren 1893, war keineswegs ein reiner Techniker, sondern ein Mann vom Fach des Kunsthandwerks. Als Silberschmiedemeister begann er seine Karriere in einer der einflussreichsten Designschulen des 20. Jahrhunderts: dem Bauhaus in Weimar. Dort arbeitete er von 1922 bis 1925 als Werkmeister der Metallwerkstatt. Diese Zeit prägte ihn tiefgreifend. Dell absorbierte die radikalen Ideen des Bauhauses, die Form und Funktion zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen wollten, und suchte nach Wegen, diese Prinzipien aus der elitären Handwerkskunst in die industrielle Massenfertigung zu überführen. Nach seinem Weggang vom Bauhaus und einer Station in Frankfurt am Main übernahm er Anfang der 1930er Jahre die künstlerische Leitung der Leuchtenfabrik Gebr. Kaiser & Co. im sauerländischen Neheim-Hüsten. Es war der Beginn einer Ära.

Der Name der Leuchtenfamilie, die Dell dort entwickelte, ist ein wunderbares Wortspiel, das den Zeitgeist der Moderne einfängt. „Kaiser“ stand für den Hersteller, und „Idell“ war eine Kombination aus „Idee“ und „Dell“. Die Idee von Dell war es, eine Arbeitsleuchte zu schaffen, die robust, flexibel und dennoch ästhetisch ansprechend war. Das Ergebnis war eine Serie von Leuchten, deren Herzstück das patentierte Drehgelenk war. Im Gegensatz zu vielen anderen Konstruktionen der Zeit, die oft hakelig oder anfällig waren, erlaubte Dells Mechanismus eine geschmeidige und präzise Ausrichtung des Lichtkegels. Die Technik trat dabei jedoch nicht in den Vordergrund, sondern versteckte sich elegant in der Form.

Das ikonischste Modell, die 6631 Luxus, besticht durch ihren charakteristischen Reflektor-Schirm. Er ist asymmetrisch geformt, eine Entscheidung, die nicht nur stilistische Gründe hatte, sondern vor allem der optimalen Lichtlenkung diente. Oben auf der Kuppel prangt in erhabenen Buchstaben der Schriftzug „ORIGINAL KAISER-idell“, ein Siegel für Qualität und Authentizität. Der geschwungene Arm aus Messing und der schwere Standfuß gaben der Leuchte eine Autorität, die sie bald zum Liebling von Behörden, Banken und Polizeirevieren machte. Sie strahlte Solidität und deutsche Ingenieurskunst aus – Werte, die in den Büros der Wirtschaftswunderjahre hoch im Kurs standen.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ein Produkt, das unter den strengen funktionalistischen Prinzipien des Bauhauses entworfen wurde, schließlich durch die Popkultur unsterblich wurde. In unzähligen Folgen von „Der Kommissar“ oder „Tatort“ stand die Kaiser Idell auf den Tischen der Ermittler. Sie wurde zum stummen Zeugen von Verhören und Geständnissen. Dieser mediale Ruhm verlieh ihr den Spitznamen „Kommissar-Leuchte“ und sorgte dafür, dass sie auch dann noch in den Wohnzimmern und Büros präsent blieb, als der Trend eigentlich zu flacheren, unauffälligeren Lichtquellen ging.

Heute gilt die Kaiser Idell als ein Paradebeispiel für „Scandi-German“-Designgeschichte, da sie mittlerweile vom dänischen Hersteller Fritz Hansen produziert wird. Ihre Faszination liegt in der Balance: Sie ist technisch kühl, durch ihre Rundungen aber gleichzeitig organisch und freundlich. Christian Dell gelang es, den kalten Stahl und das Messing so zu formen, dass sie Wärme ausstrahlen, sobald das Licht eingeschaltet wird. Wer heute eine Kaiser Idell besitzt, besitzt nicht nur eine Lampe, sondern ein Stück Designgeschichte, das die Brücke schlägt zwischen der handwerklichen Exzellenz des Bauhauses und der industriellen Realität des 20. Jahrhunderts.