
Die Fledermaus des Designs: Gae Aulenti und der Kult der Pipistrello-Leuchte
Es war das Jahr 1965, eine Zeit des Umbruchs, in der Pop-Art, Space-Age-Ästhetik und radikale architektonische Konzepte aufeinandertrafen. Mitten in diesem kulturellen Schmelztiegel entwarf eine der wenigen Frauen, die sich in der damals stark männerdominierten Welt des italienischen Industriedesigns behaupteten, ein Objekt, das die Grenzen zwischen Naturinspiration und technischer Nüchternheit verwischte. Gae Aulenti, die später vor allem für ihre Transformation des Musée d'Orsay in Paris berühmt werden sollte, schuf für den Hersteller Martinelli Luce die „Pipistrello“. Der Name ist italienisch und bedeutet „Fledermaus“ – eine gewagte Bezeichnung für eine Leuchte, die Eleganz und Wohnlichkeit ausstrahlen sollte.
Auf den ersten Blick mag die Assoziation mit dem nachtaktiven Tier befremdlich wirken, doch betrachtet man den Schirm der Leuchte, erschließt sich die Analogie sofort. Der opale Methacrylat-Diffusor ist in vier Segmente unterteilt, die sich wellenförmig nach außen wölben und tatsächlich an die aufgespannten Hautflügel einer Fledermaus erinnern. Doch Aulenti ging es nicht um eine kitschige Nachahmung der Natur. Vielmehr nutzte sie die organische Form, um das Licht auf eine Weise zu brechen und zu streuen, die dem Raum eine weiche, fast atmosphärische Qualität verleiht. Es ist ein Design, das dem „Neo-Liberty“-Stil zugeordnet werden kann, einer italienischen Strömung, die sich gegen den strengen, kantigen Rationalismus der Moderne auflehnte und organische Linienführungen des Jugendstils neu interpretierte.
Das wahre Genie der Pipistrello liegt jedoch nicht nur in ihrem Schirm, sondern in ihrer konstruktiven Hybridität. Sie entzieht sich der klassischen Kategorisierung. Ist sie eine Tischleuchte? Oder eine Stehleuchte? Die Antwort lautet: beides. Aulenti integrierte einen teleskopartigen Hals aus rostfreiem Stahl, der es ermöglicht, die Höhe der Leuchte variabel zwischen 66 und 86 Zentimetern einzustellen. Diese Mechanik, die an ein optisches Instrument oder eine Autoantenne erinnert, verleiht dem Objekt eine technische Dynamik, die im spannenden Kontrast zum weichen, organischen Schirm steht. Der schwere, konische Sockel, oft in Schwarz oder Weiß, sorgt dabei für die nötige Stabilität und erdet das „fliegende“ Oberteil optisch.
Die Materialwahl war für die Mitte der 1960er Jahre durchaus fortschrittlich. Während traditionelle Leuchten oft auf Glas oder Metall setzten, entschied sich Aulenti beim Schirm für Methacrylat. Diese Kunststofftechnik ermöglichte Formen, die mit Glas nur schwer oder gar nicht realisierbar gewesen wären, und sorgte zudem für eine gleichmäßige Lichtdiffusion ohne harte Schattenwürfe. Martinelli Luce setzte innovative Formverfahren ein, um diese komplexe Geometrie in Serie zu fertigen, was die Pipistrello auch zu einem Triumph der damaligen Fertigungstechnik machte.
Gae Aulenti selbst sah Design nie isoliert, sondern immer im Kontext der Architektur und des umgebenden Raumes. Für sie war die Pipistrello nicht bloß ein Gebrauchsgegenstand, sondern ein architektonisches Element im Kleinen, das den Raum definiert. Ihre Philosophie lautete, dass Objekte eine Beziehung zum Benutzer aufbauen müssen. Durch die Höhenverstellbarkeit fordert die Leuchte zur Interaktion auf; der Benutzer wird zum Mitgestalter der Lichtstimmung und der physischen Präsenz des Objekts im Raum.
Auch heute, fast sechzig Jahre nach ihrem Entwurf, hat die Pipistrello nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Sie steht exemplarisch für eine Ära des italienischen Designs, die keine Angst vor Exzentrik hatte und Funktionalität mit Poesie verknüpfte. Sie hat ihren festen Platz in den Dauerausstellungen großer Museen wie dem MoMA in New York und dem Centre Pompidou in Paris gefunden. Doch noch wichtiger ist ihr Platz in unzähligen Wohnzimmern und Büros weltweit, wo sie als leuchtender Beweis dafür steht, dass gutes Lichtdesign zeitlos ist und dass selbst eine Fledermaus zum Symbol für wohnliche Wärme werden kann.