Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Die organische Utopie aus Plastik: Giancarlo Mattioli und die leuchtende Revolution der Nesso
Dienstag, 21. Juli 2026

Die organische Utopie aus Plastik: Giancarlo Mattioli und die leuchtende Revolution der Nesso

Die 1960er Jahre waren ein Jahrzehnt des radikalen Umbruchs. Während die Supermächte ins Weltall drängten und die Pop-Art die Galerien eroberte, fand in den italienischen Designstudios eine weitaus stillere, aber ebenso nachhaltige Revolution statt. Es war die Ära, in der ein neues, faszinierendes Material die Bühne betrat und die traditionellen Grenzen der Formgebung sprengte: Kunststoff. Inmitten dieser Aufbruchsstimmung schuf der italienische Architekt Giancarlo Mattioli zusammen mit der Gruppo Architetti Urbanisti Città Nuova ein Objekt, das die Essenz des Space Age in sich vereinte und bis heute als Meisterwerk des Lichtdesigns gilt – die Nesso-Leuchte.

Die Geschichte der Nesso beginnt im Jahr 1965. Das aufstrebende Mailänder Beleuchtungsunternehmen Artemide, gegründet von Ernesto Gismondi und Sergio Mazza, suchte nach innovativen Entwürfen, die das Lebensgefühl der neuen Zeit einfangen sollten. Gemeinsam mit der renommierten Architekturzeitschrift Domus rief Artemide den Wettbewerb "Studio Artemide/Domus" ins Leben. Das Ziel war klar: Die Entwicklung einer Leuchte, die neue Fertigungstechnologien nutzte und mit den Konventionen bürgerlicher Wohnraumbeleuchtung brach. Der Entwurf von Mattioli und seiner Gruppe gewann den ersten Preis und legte den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Was die Nesso so unverwechselbar macht, ist ihre mutige, organische Formensprache. Auf den ersten Blick erinnert sie an einen überdimensionierten Pilz oder eine sanft geschwungene Qualle. Der weite, schirmartige Reflektor wölbt sich nahtlos aus dem sich nach unten verjüngenden Fuß. Es gibt keine harten Kanten, keine sichtbaren Schrauben, keine mechanischen Gelenke. Mattioli entwarf eine Skulptur, die aus einem einzigen Guss zu bestehen schien. Diese fließende Kontinuität war ein bewusster Gegenentwurf zu den kühlen, industriell geprägten Stahlrohr- und Blechleuchten der Vorkriegs- und Bauhauszeit. Die Nesso war sinnlich, expressiv und strahlte eine geradezu poppige Lebendigkeit aus – besonders in dem ikonischen, leuchtenden Orange, das zum Symbol einer ganzen Generation wurde.

Doch die eigentliche Revolution der Nesso lag unter ihrer glänzenden Oberfläche verborgen – in ihrer Herstellung. Um diese komplexe, voluminöse Form zu realisieren, bediente sich Artemide einer Technologie, die in der Möbel- und Leuchtenindustrie noch in den Kinderschuhen steckte: dem thermoplastischen Spritzgussverfahren. Die Nesso wurde aus ABS-Kunststoff (Acrylnitril-Butadien-Styrol) gefertigt. Die Produktion war ein enormes finanzielles Risiko. Die Herstellung der riesigen, tonnenschweren Stahlformen, in die der heiße Kunststoff unter hohem Druck eingespritzt wurde, verschlang Unsummen. Gismondi bewies jedoch den unternehmerischen Mut, dieses Risiko einzugehen. Das Resultat war eine Leuchte, die trotz der immensen Werkzeugkosten in großen Stückzahlen und damit relativ kostengünstig für den aufstrebenden Mittelstand produziert werden konnte. Es war die Demokratisierung des Designs durch industrielle Massenfertigung.

Die lichttechnische Raffinesse der Nesso steht ihrer äußeren Erscheinung in nichts nach. Unter dem ausladenden Schirm, der einen Durchmesser von stolzen 54 Zentimetern misst, verbergen sich vier Leuchtmittel. Das Geheimnis ihrer Lichtwirkung liegt in der Beschaffenheit des ABS-Kunststoffs. Das Material ist nicht vollständig opak, sondern transluzent. Wenn die Leuchte eingeschaltet wird, strahlt das Licht nicht nur blendfrei nach unten auf die Tischfläche, sondern durchdringt auch den Schirm und den Fuß. Die gesamte Leuchte beginnt von innen heraus zu glühen und verwandelt sich in einen leuchtenden Körper, der ein ungemein warmes, weiches und diffuses Licht im Raum verteilt. Die Nesso beleuchtet nicht nur ihre Umgebung, sie inszeniert sich selbst.

Diese Kombination aus skulpturaler Präsenz und stimmungsvoller Lichtwirkung machte die Nesso schnell zu einem Kultobjekt. Sie passte perfekt auf die flachen, futuristischen Möbel der späten 60er und 70er Jahre und wurde zu einem festen Bestandteil von Filmsets und Avantgarde-Interieurs. Sie verkörperte den ungebremsten Optimismus einer Zeit, in der Plastik nicht als billiges Wegwerfprodukt, sondern als nobles, grenzenlos formbares Material der Zukunft galt.

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Debüt auf dem Salone del Mobile in Mailand, hat die Nesso nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Sie steht in der ständigen Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York und wird von Artemide – zusammen mit ihrer kleineren Schwester, der Nessino – ununterbrochen produziert. Giancarlo Mattiolis Entwurf erinnert uns an eine Epoche, in der das Design aus dem Vollen schöpfte und die Wohnraumbeleuchtung nicht nur funktional, sondern tiefgreifend emotional und visionär wurde. Die Nesso bleibt ein strahlendes Monument des Space Age, eingefroren in leuchtendem Kunststoff.