
Der Ingenieur der Poesie: Gino Sarfatti und die Revolution von Arteluce
Wenn wir an das goldene Zeitalter des italienischen Designs denken, fallen oft Namen von berühmten Architekten, die sich gelegentlich dem Produktdesign widmeten. Doch in der Welt des Lichts gibt es einen Namen, der eine Sonderstellung einnimmt: Gino Sarfatti. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war Sarfatti kein Architekt, der nebenbei Lampen entwarf. Er war ein Ingenieur, ein Techniker und ein Unternehmer, der sein gesamtes Leben der einen Sache widmete: der perfekten Beleuchtung. Mit über 600 entworfenen Leuchten zwischen den späten 1930er und frühen 1970er Jahren gilt er heute als einer der produktivsten und bedeutendsten Lichtgestalter des 20. Jahrhunderts.
Die Geschichte beginnt 1939, als Sarfatti das Unternehmen Arteluce gründete. Während der Zweite Weltkrieg Europa erschütterte, legte Sarfatti den Grundstein für das, was bald zum Inbegriff für modernes, italienisches Lichtdesign werden sollte. Sein Ansatz war radikal pragmatisch und doch von einer unbestreitbaren Eleganz geprägt. Für Sarfatti standen die Lichtquelle selbst und die Funktion im Mittelpunkt. Er fragte nicht zuerst: „Wie soll die Lampe aussehen?“, sondern „Was soll das Licht tun?“. Diese Denkweise führte zu Entwürfen, die frei von unnötigem Dekor waren und stattdessen die Technik zelebrierten – lange bevor der „Industrial Chic“ in Mode kam.
Ein herausragendes Beispiel für seine Philosophie ist der Kronleuchter „Modell 2097“, entworfen im Jahr 1958. Zu einer Zeit, als Kronleuchter noch oft aus schwerem Kristall und verschnörkelten Armen bestanden, präsentierte Sarfatti eine ultramoderne Neuinterpretation. Das Modell 2097 besteht aus einer zentralen Eisenstruktur, von der zahlreiche horizontale Arme ausgehen, die die Glühbirnen halten. Das Revolutionäre daran war, dass Sarfatti die Kabel nicht versteckte. Im Gegenteil: Die elektrischen Leitungen hängen in eleganten Bögen sichtbar zwischen den Armen und dem zentralen Stamm. Er machte das, was andere Designer zu verbergen suchten – die Stromzufuhr –, zu einem ästhetischen Hauptelement. Das Ergebnis war eine Leuchte, die sowohl technisch als auch organisch wirkte, ein „Sputnik“ des Wohnzimmers, der Modernität und Tradition vereinte.
Sarfattis Genie zeigte sich auch in seiner Experimentierfreude mit neuen Materialien und Technologien. Er war einer der ersten Designer, der mit Halogenlampen experimentierte, lange bevor diese zum Standard in der Wohnraumbeleuchtung wurden. Sein technischer Hintergrund erlaubte es ihm, Transformatoren und andere Bauteile so zu modifizieren, dass sie minimalistischere Formen ermöglichten. Ein Beispiel hierfür ist die Tischleuchte „Modell 600“ aus dem Jahr 1966. Die Basis dieser Leuchte ist kein fester Standfuß aus Metall oder Marmor, sondern ein mit Bleikugeln gefüllter Ledersack. Dies ermöglichte es dem Benutzer, die Leuchte in fast jede beliebige Position zu neigen, ähnlich wie einen Sandsack. Es war ein spielerischer, taktiler Ansatz, der die Interaktion zwischen Mensch und Objekt förderte.
Ein weiteres Merkmal von Sarfattis Arbeit war seine fast klinische Nomenklatur. Er gab seinen Leuchten keine poetischen Namen wie „Eclisse“ oder „Arco“. Stattdessen nummerierte er sie schlicht durch: 1063, 548, 2097. Diese Nüchternheit unterstrich seinen rationalen Ansatz. Er sah sich als Diener des Lichts, nicht als Künstler, der Skulpturen schuf. Dennoch – oder gerade deswegen – besitzen seine Arbeiten eine zeitlose skulpturale Qualität. Die Stehleuchte „Modell 1063“ ist ein Meisterwerk des Minimalismus: Eine schlichte vertikale Röhre, die sowohl direktes als auch indirektes Licht spendet, reduziert auf das absolute Minimum an Material, das nötig ist, um die Funktion zu erfüllen.
Arteluce wurde unter seiner Führung zu einem Brennpunkt der Kreativität, der auch anderen Designern wie Franco Albini oder Ico Parisi eine Plattform bot. Doch Sarfatti blieb die treibende Kraft. Sein Verständnis von Licht ging über das bloße Erhellen eines Raumes hinaus; er verstand Licht als ein architektonisches Element, das Raum definiert, Stimmung erzeugt und die Wahrnehmung von Materialien verändert. Er spielte mit Reflexionen, Schattenwurf und der Transparenz von Glas und Acryl.
Im Jahr 1973 verkaufte Gino Sarfatti Arteluce an Flos und zog sich an den Comer See zurück. Obwohl er sich aus der Designwelt verabschiedete, blieb sein Einfluss gigantisch. Viele seiner Entwürfe werden heute noch (oder wieder) von Flos und Astep (gegründet von seinem Enkel Alessandro Sarfatti) produziert. In einer Zeit, in der Design oft von Trends getrieben wird, erinnert uns Gino Sarfatti daran, dass wahre Innovation oft aus dem tiefen Verständnis der Technik und der reinen Funktion entsteht. Er lehrte uns, dass ein freiliegendes Kabel schön sein kann und dass eine Leuchte nicht schreien muss, um gehört zu werden – sie muss einfach nur perfekt leuchten.