Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Das warme Licht der schwedischen Wälder: Wie Hans-Agne Jakobsson das Holz zum Leuchten brachte
Montag, 6. Juli 2026

Das warme Licht der schwedischen Wälder: Wie Hans-Agne Jakobsson das Holz zum Leuchten brachte

Wenn wir heute an skandinavisches Design der Mitte des 20. Jahrhunderts denken, kommen uns oft kühle Eleganz, funktionalistischer Minimalismus und Materialien wie geformtes Schichtholz, Stahl oder opales Glas in den Sinn. Während Designer in Italien und Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren mit Kunststoffen, Fiberglas und Halogentechnik das "Space Age" einläuteten, schlug ein schwedischer Gestalter einen völlig anderen, tief in der Natur verwurzelten Weg ein. Sein Name war Hans-Agne Jakobsson, und er vollbrachte das Kunststück, elektrisches Licht so zu filtern, dass es die archaische Geborgenheit eines knisternden Lagerfeuers ausstrahlte. Seine Innovation: Leuchten aus hauchdünnem Kiefernholzfurnier.

Hans-Agne Jakobsson wurde 1919 in Havdhem auf der schwedischen Insel Gotland geboren. Sein beruflicher Werdegang begann nicht etwa in einem elitären Designstudio, sondern mit einer handfesten Ausbildung zum Tischler, der später ein Architekturstudium in Göteborg folgte. Diese handwerkliche Basis und sein tiefes Verständnis für die organischen Eigenschaften des Materials Holz sollten den Grundstein für seine spätere Karriere legen. Nach Stationen bei General Motors und als Assistent des berühmten Möbeldesigners Carl Malmsten gründete er 1951 im südschwedischen Markaryd sein eigenes Unternehmen: die Hans-Agne Jakobsson AB.

In den Werkstätten von Markaryd entstand eine bemerkenswerte Vielfalt an Leuchten. Jakobsson arbeitete meisterhaft mit Messing, Kupfer und mundgeblasenem Glas, doch sein wohl faszinierendster Beitrag zur Geschichte des Lichtdesigns war die Erfindung der sogenannten "Spånlampa" (Spankorb- oder Furnierleuchte). Zu einer Zeit, als die grelle, unverhüllte Glühbirne von vielen Designern als modernes Statement gefeiert oder – wie bei Poul Henningsen – durch komplexe mathematische Metallschirme gebändigt wurde, wählte Jakobsson einen emotionaleren Ansatz. Er wollte das Licht nicht nur lenken, er wollte es transformieren.

Die Konstruktion dieser Leuchten war ein Meisterstück der Holzverarbeitung. Jakobsson verwendete extrem dünn geschnittene Streifen aus Kiefernholz, die sorgfältig gebogen und in überlappenden, oft runden oder glockenförmigen Schichten um ein unsichtbares Draht- oder Holzgestell gelegt wurden. Im ausgeschalteten Zustand präsentierten sich diese Objekte als ruhige, skulpturale Holzarbeiten, die an traditionelle schwedische Handwerkskunst und geflochtene Spankörbe erinnerten. Sie brachten eine organische Textur in die zunehmend glatt polierten Wohnzimmer der Nachkriegszeit.

Der wahre Zauber der Spånlampa entfaltete sich jedoch erst beim Betätigen des Lichtschalters. Das Licht der innenliegenden, vollständig verborgenen Glühbirne musste sich seinen Weg durch die Maserung des hauchdünnen Kiefernholzes bahnen. Das Holz fungierte dabei als natürlicher Filter und Diffusor. Es schluckte die harten, blendenden Frequenzen des elektrischen Lichts und verwandelte sie in einen warmen, bernsteinfarbenen Glanz. Die feinen Linien der Jahresringe begannen von innen heraus zu leuchten, wodurch jede Leuchte zu einem absoluten Unikat wurde.

Dieser Effekt hatte eine tiefgehende psychologische Komponente. In den skandinavischen Ländern, in denen die Wintermonate lang, dunkel und unerbittlich kalt sind, hat die Lichtgestaltung im Innenraum einen besonders hohen Stellenwert. Das gefilterte Licht von Jakobssons Leuchten evozierte das Gefühl von Sonnenuntergängen, Kaminfeuer und Kerzenschein. Es bot einen emotionalen Gegenpol zur Kälte der Außenwelt und schuf Inseln der Geborgenheit. Diese meisterhafte Beherrschung der "Lichtstimmung" machte die Leuchten aus Markaryd schnell zu einem internationalen Erfolg.

Die Herstellung der Holzfurnierleuchten war jedoch anspruchsvoll. Das Holz musste die exakt richtige Feuchtigkeit und Flexibilität aufweisen, um beim Biegen nicht zu brechen. Zudem musste die Hitzeentwicklung der Glühbirnen berücksichtigt werden, da trockenes Holz und starke Hitze eine gefährliche Kombination darstellen. Jakobsson löste dies durch clevere Belüftungsabstände zwischen den einzelnen Furnierschichten, die gleichzeitig subtile, warme Lichtspalte im Raum erzeugten. Es war die perfekte Symbiose aus traditionellem Materialwissen und den technischen Anforderungen der modernen Wohnraumbeleuchtung.

Heute zählen die originalen Furnierleuchten von Hans-Agne Jakobsson zu den begehrtesten Sammlerstücken des Mid-Century-Designs. Mit den Jahrzehnten ist das Kiefernholz nachgedunkelt und hat eine reiche, honigfarbene Patina angesetzt, die den warmen Charakter des Lichts nur noch verstärkt. Sein Ansatz, Holz als Lichtfilter zu nutzen, war seiner Zeit weit voraus und inspirierte Generationen späterer Designer. Ob bei den skulpturalen Holzleuchten des Finnen Seppo Koho oder den organischen Formen eines David Trubridge – die DNA von Jakobssons Spånlampa lebt weiter.

Hans-Agne Jakobsson erinnerte die Designwelt an eine fundamentale Wahrheit: Bei der Beleuchtung von Wohnräumen geht es letztlich nicht um Lumen-Werte, maximale Effizienz oder den futuristischsten Werkstoff. Es geht darum, wie das Licht uns fühlen lässt. Indem er der künstlichen Glühbirne eine Seele aus Holz verlieh, schuf er ein Stück unvergänglicher Wohnkultur.