
Der Poet des Lichts: Ingo Maurer und die Befreiung der Glühbirne
Wenn wir an die großen Namen des Lichtdesigns im 20. Jahrhundert denken, fallen uns oft Ingenieure oder Architekten ein, die Funktionalität und Form in Einklang brachten. Doch Mitte der 1960er Jahre betrat ein Mann die Bühne, der weder Ingenieur noch Architekt war, sondern Grafikdesigner. Sein Name war Ingo Maurer, und er sollte die Welt der Beleuchtung für immer verändern, indem er ihr etwas zurückgab, das im Streben nach Funktionalität fast verloren gegangen war: Poesie, Humor und eine tiefe Verehrung für die Lichtquelle selbst.
Ein Geistesblitz in Venedig
Die Geschichte beginnt im Jahr 1966. Der junge Ingo Maurer, der gerade einige Zeit in den USA verbracht hatte und dort mit der aufkeimenden Pop-Art-Bewegung in Berührung gekommen war, befand sich in einer kleinen Pension in Venedig. Er starrte auf eine nackte Glühbirne, die von der Decke hing. Für die meisten Menschen war die Glühbirne zu dieser Zeit ein rein technischer Gebrauchsgegenstand, etwas, das man unter Lampenschirmen aus Stoff oder Glas versteckte, um das grelle Licht zu dämpfen.
Für Maurer jedoch war diese einfache Form – der gläserne Kolben, der glühende Draht, der Sockel – die „perfekte Form der Industrie“. Er sah in ihr nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein eigenständiges Kunstwerk. Aus dieser Faszination heraus entstand sein erstes und vielleicht berühmtestes Werk: die „Bulb“ (1966). Es war eine Tischleuchte, die im Grunde aus einer riesigen, mundgeblasenen Kristallglasbirne bestand, in deren Innerem eine herkömmliche Glühbirne saß. Der Sockel war verchromt und erinnerte an die Fassung einer Glühlampe.
Mit der „Bulb“ tat Maurer etwas Revolutionäres: Er versteckte die Lichtquelle nicht, er zelebrierte sie. Er machte das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen, ganz im Sinne der Pop-Art, die Alltagsgegenstände wie Suppendosen in den Kunststatus erhob. Die Leuchte wurde ein sofortiger Erfolg und fand sogar Aufnahme in die ständige Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Doch das war erst der Anfang.
Die Zähmung der Niedervolt-Technik
Während die „Bulb“ Maurers Ruf als Designer mit Witz und Ironie begründete, war es eine andere Erfindung in den 1980er Jahren, die ihn als technologischen Visionär etablierte. Bis dahin war Wohnraumbeleuchtung meist statisch: Eine Lampe stand auf dem Tisch oder hing an einem festen Punkt von der Decke. Maurer wollte Licht jedoch flexibler machen, er wollte es wie einen Pinselstrich durch den Raum ziehen können.
1984 stellte er das System „YaYaHo“ vor. Es war eines der ersten Niedervolt-Halogensysteme, das aus zwei parallel gespannten Metallseilen bestand, die quer durch den Raum liefen. An diesen Seilen, die gleichzeitig als Stromleiter dienten, konnten verschiedene Lichtelemente frei bewegt und positioniert werden. Halogenlicht war damals im Wohnbereich noch relativ neu und wurde meist nur in technischen Strahlern verwendet. Maurer erkannte die Brillanz dieses Lichts und die Möglichkeiten der Miniaturisierung, die die kleinen Halogenbirnen boten.
Das YaYaHo-System befreite das Licht von der Decke. Plötzlich konnten Nutzer ihr Lichtspiel selbst gestalten, Strahler verschieben, Spiegel anbringen und die Beleuchtung exakt auf ihre Bedürfnisse anpassen. Es war ein Balanceakt zwischen technischer Nüchternheit und spielerischer Leichtigkeit, der die Ästhetik von Lofts, Galerien und modernen Wohnräumen für die nächsten zwei Jahrzehnte prägen sollte.
Lucellino und die Seele der Dinge
Ingo Maurer unterschied sich von seinen Zeitgenossen vor allem durch seinen emotionalen Zugang zum Licht. Er war kein Dogmatiker der „Guten Form“ wie die Bauhaus-Nachfolger. Für ihn musste eine Leuchte eine Geschichte erzählen. Dies zeigte sich besonders deutlich in seiner 1992 entworfenen Leuchte „Lucellino“. Der Name ist ein Wortspiel aus den italienischen Wörtern „luce“ (Licht) und „uccellino“ (Vögelchen).
Die Lucellino ist im Grunde eine nackte Glühbirne, der Maurer kleine Flügel aus Gänsefedern an den Sockel montierte. Die Birne scheint davonfliegen zu wollen, gehalten nur von einem dünnen Draht. Es ist ein Objekt purer Poesie, das den Betrachter unweigerlich zum Lächeln bringt. Gleichzeitig war es eine technische Herausforderung, die Stromzufuhr so minimalistisch zu gestalten, dass die Illusion des Fliegens nicht zerstört wurde.
Innovation bis zum Schluss
Maurer ruhte sich nie auf seinen Erfolgen aus. Als die LED-Technologie aufkam, war er einer der ersten, der ihr Potenzial jenseits von sterilen Indikatorleuchten erkannte. Während viele Designer noch über die kalte Lichtfarbe der LEDs klagten, experimentierte Maurer bereits mit ihnen. Er integrierte LEDs in Tapeten, in transparente Platinen und schuf Kronleuchter, die wie explodierende Schaltkreise aussahen.
Doch trotz aller Technologie blieb er seinem ersten Liebling treu: der Glühbirne. Als die EU begann, die klassische Glühlampe schrittweise zu verbieten, protestierte Maurer auf seine Weise – er schuf Leuchten, die wie Hommagen an die sterbende Technik wirkten, und verkaufte sogar „Kondome“ für Glühbirnen, um sie als hitzebeständige Hüllen vor dem Verbot zu „schützen“.
Ingo Maurer verstarb im Jahr 2019, doch sein Erbe ist allgegenwärtig. Er lehrte uns, dass Lichtdesign nicht nur die Berechnung von Lumen und Lux ist. Er zeigte uns, dass eine Leuchte uns berühren, überraschen und zum Lachen bringen kann. Er war der Magier, der die Technik nutzte, um Poesie in unsere Wohnzimmer zu bringen, und der dem künstlichen Licht eine Seele einhauchte.