Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Das gebogene Licht: Wie Joe Colombo mit der Acrilica die Glühbirne verschwinden ließ
Samstag, 31. Januar 2026

Das gebogene Licht: Wie Joe Colombo mit der Acrilica die Glühbirne verschwinden ließ

Wenn wir an die 1960er Jahre denken, sehen wir oft Plastikmöbel, knallige Farben und die Anfänge des Space Age vor unserem geistigen Auge. Es war eine Ära, in der Designer nicht nur Möbel entwarfen, sondern ganze Lebenswelten neu dachten. Einer der radikalsten Visionäre dieser Zeit war der Italiener Cesare „Joe“ Colombo. Er trug stets eine Pfeife im Mundwinkel, liebte schnelle Autos und glaubte an eine dynamische, flexible Zukunft. Doch bevor er modulare Wohnkapseln entwickelte, schuf er 1962 gemeinsam mit seinem Bruder Gianni ein Objekt, das die Grenzen zwischen Beleuchtung, Kunst und Wissenschaft verwischte: die Tischleuchte „Acrilica“.

Die unsichtbare Lichtquelle

Bis in die frühen 1960er Jahre folgte fast jede Leuchte einem ähnlichen Prinzip: Es gab einen Fuß, einen Schaft und einen Schirm, der das Leuchtmittel verdeckte und das Licht lenkte. Die Glühbirne war zwar notwendig, aber oft ein ästhetisches Hindernis. Joe Colombo, getrieben von dem Wunsch, das Überflüssige zu eliminieren, stellte sich eine Frage: Was wäre, wenn das Licht nicht direkt von der Birne käme, sondern wie Wasser durch eine Leitung transportiert werden könnte? Die Antwort lag in einem damals noch recht neuen Material: Polymethylmethacrylat, besser bekannt als Acrylglas oder Plexiglas.

Wissenschaft trifft Design

Die „Acrilica“ (produziert von O-Luce) war mehr als nur eine hübsche Lampe; sie war ein physikalisches Experiment. Joe arbeitete eng mit seinem Bruder Gianni Colombo zusammen, einem Künstler der „Arte Cinetica“, der sich intensiv mit Wahrnehmung und Bewegung beschäftigte. Gemeinsam nutzten sie das Prinzip der Totalreflexion. Die Leuchte besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: einem schweren, C-förmigen Sockel aus lackiertem Stahl, in dem das Leuchtmittel (eine Leuchtstoffröhre) versteckt ist, und einem massiven, transparenten Acrylbogen, der aus diesem Sockel herausragt.

Das Licht wandert vom Sockel aus durch den dicken Kunststoffkörper. Aufgrund der spezifischen Krümmung und der physikalischen Eigenschaften des Materials tritt das Licht an den Seiten nicht aus, sondern wird im Inneren weitergeleitet, bis es am anderen Ende des Bogens wieder austritt. Der Effekt war für die damaligen Betrachter verblüffend: Ein leuchtender Bogen, der scheinbar aus dem Nichts Licht auf den Tisch warf, ohne Drähte, ohne Fassung und ohne sichtbare Birne am oberen Ende.

Eine Skulptur des Lichts

Mit der Acrilica gelang Colombo ein Kunststück: Er machte das Licht selbst zur Skulptur. Die Leuchte wirkt im ausgeschalteten Zustand wie ein abstraktes Kunstwerk, eine gefrorene Bewegung im Raum. Eingeschaltet verwandelt sie sich in einen magischen Lichtleiter. Dieser Entwurf nahm das Prinzip der Glasfaseroptik vorweg, die später in der Telekommunikation und in der dekorativen Beleuchtung allgegenwärtig werden sollte, im Wohnzimmerdesign der frühen 60er Jahre jedoch eine absolute Neuheit war.

Die Form der Leuchte – eine dicke, organische Kurve – stand im Kontrast zur strengen Geometrie des Bauhaus-Stils, vermied aber gleichzeitig die übermäßige Verspieltheit, die spätere Designs der 70er Jahre oft kennzeichnete. Sie war pure Eleganz, geboren aus technischer Raffinesse. Es überrascht daher nicht, dass die Acrilica auf der XIII. Triennale di Milano 1964 mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde.

Das Vermächtnis eines Visionärs

Joe Colombo starb 1971 viel zu früh an seinem 41. Geburtstag, doch seine Arbeiten hinterließen einen tiefen Abdruck in der Designgeschichte. Die Acrilica steht exemplarisch für seine Philosophie: Design sollte nicht nur dekorieren, sondern durch den Einsatz neuer Materialien und Technologien Probleme lösen und neue ästhetische Erfahrungen schaffen. Sie ist ein Beweis dafür, dass Beleuchtung nicht nur das Hellmachen eines dunklen Raumes bedeutet, sondern das Formen und Lenken von Energie. Wer heute eine Acrilica betrachtet, sieht nicht nur eine Lampe, sondern den eingefangenen Optimismus einer Ära, die glaubte, dass mit Kunststoff und Ingenieursgeist alles möglich sei.