Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Der Architekt der fliegenden Untertassen: Louis Kalff und die futuristische Design-Ära von Philips
Dienstag, 16. Juni 2026

Der Architekt der fliegenden Untertassen: Louis Kalff und die futuristische Design-Ära von Philips

Wenn wir an die großen Pioniere des Industriedesigns denken, fallen oft Namen wie Dieter Rams oder Peter Behrens. Doch im Bereich der Beleuchtung und des Corporate Designs gibt es einen Mann, der das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat, ohne dass sein Name heute jedem geläufig ist: Louis Christiaan Kalff. Als Architekt und Designer revolutionierte er nicht nur die Ästhetik des niederländischen Elektronikriesen Philips, sondern brachte auch eine völlig neue, futuristische Formensprache in unsere Wohnzimmer. Seine Leuchten waren keine bloßen Gebrauchsgegenstände, sondern skulpturale Vorboten eines neuen, technologischen Zeitalters.

Der 1897 in Amsterdam geborene Kalff studierte zunächst Architektur, bevor er 1925 zu Philips kam. Damals war das Unternehmen in erster Linie ein technisch orientierter Hersteller von Glühbirnen und Radios. Kalff begann seine Karriere nicht im Produktdesign, sondern in der Werbung. Er verstand früh, dass ein technisches Produkt nur dann erfolgreich ist, wenn es durch eine starke visuelle Identität gestützt wird. So entwarf er unter anderem das weltberühmte Philips-Logo mit den Sternen und Wellen, das bis heute die Marke repräsentiert. Doch seine wahre Leidenschaft galt der Verbindung von Licht, Raum und Architektur.

Ende der 1920er Jahre gründete Kalff das 'Lichtadviesbureau' (Lichtberatungsbüro) bei Philips. Hier begann er, seine architektonische Vision auf die Beleuchtung zu übertragen. Er war überzeugt, dass elektrisches Licht nicht nur der reinen Helligkeit dienen sollte, sondern ein essenzielles Werkzeug zur Raumgestaltung war. Diese Philosophie führte ihn schließlich in den 1950er Jahren zu seinen bekanntesten Entwürfen. In einer Zeit, die vom wirtschaftlichen Aufschwung und der Faszination für den Weltraum – dem sogenannten Space Age – geprägt war, schuf Kalff Leuchten, die wie kleine, gelandete Raumschiffe auf den Schreibtischen der Menschen standen.

Seine ikonischen Schreibtischleuchten wie das Modell 'Z', die 'Bijou' oder die 'Timor 69' brachen radikal mit den traditionellen, oft noch historisierenden Leuchtenformen der Vorkriegszeit. Kalff setzte auf dynamische, asymmetrische Linien und Materialien, die den Zeitgeist widerspiegelten. Mattschwarz, dunkelgrün oder bordeauxrot lackiertes Aluminium wurde mit glänzendem Messing kombiniert. Die Schirme seiner Leuchten waren meist weit ausladend und flach, was ihnen die charakteristische 'UFO'-Silhouette verlieh. Diese Form war jedoch nicht nur eine modische Spielerei, sondern erfüllte einen klaren lichttechnischen Zweck: Sie sorgte für eine breite, blendfreie Ausleuchtung der Arbeitsfläche.

Ein weiteres faszinierendes Detail vieler Kalff-Entwürfe war der bewusste und inszenierte Einsatz der Lichtquelle selbst. Während viele zeitgenössische Designer versuchten, die Glühbirne hinter opalem Glas oder tiefen Schirmen zu verstecken, machte Kalff sie oft zum integralen Bestandteil der Ästhetik. Er verwendete bevorzugt Kopfspiegellampen – Glühbirnen, deren obere Hälfte verspiegelt ist. Diese warfen das Licht nach oben gegen die Innenseite des UFO-Schirms, von wo aus es weich und diffus nach unten reflektiert wurde. Das Ergebnis war ein magisch schwebendes Licht, das die futuristische Anmutung der Leuchten noch verstärkte.

Der Höhepunkt seiner Karriere und die ultimative Verschmelzung seiner Leidenschaften für Architektur, Licht und den Weltraum war jedoch kein Möbelstück, sondern ein Gebäude. Für das 75-jährige Jubiläum von Philips im Jahr 1966 entwarf Kalff das Evoluon in Eindhoven. Dieses Kongress- und Ausstellungszentrum hat buchstäblich die Form einer gigantischen fliegenden Untertasse. Es war sein gebautes Manifest – der Beweis, dass Design und Technologie die Kraft haben, die Menschheit in eine leuchtende Zukunft zu führen.

Heute, Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1976, erleben die Entwürfe von Louis Kalff eine beispiellose Renaissance. Vintage-Sammler und Designliebhaber auf der ganzen Welt jagen nach den originalen Philips-Leuchten der 50er und 60er Jahre. Seine Arbeiten erinnern uns daran, dass gutes Lichtdesign immer eine Balance zwischen Ingenieurskunst und Poesie ist. Louis Kalff hat uns nicht nur gezeigt, wie man Räume beleuchtet, sondern er hat der Technik eine Seele und dem Licht eine architektonische Form gegeben – eine Form, die bis heute fasziniert und unsere Fantasie beflügelt.