Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Der Magier von Venedig: Wie Mariano Fortuny das indirekte Licht erfand
Sonntag, 21. Dezember 2025

Der Magier von Venedig: Wie Mariano Fortuny das indirekte Licht erfand

Wenn wir heute an Ikonen des Lichtdesigns denken, fallen uns oft die schlichten Formen des Bauhauses oder die verspielten Designs der 1960er Jahre ein. Doch lange bevor das moderne Industriedesign seinen Siegeszug antrat, arbeitete ein Mann in einem dunklen Palazzo in Venedig an einer Revolution, die nicht nur die Theaterwelt, sondern auch unsere Wohnzimmer für immer verändern sollte. Sein Name war Mariano Fortuny y Madrazo, und seine Erfindung aus dem Jahr 1907, die schlicht als „Fortuny-Lampe“ bekannt ist, markiert die Geburtsstunde der modernen, indirekten Beleuchtung.

Mariano Fortuny war kein gewöhnlicher Designer. Er war ein Universalgelehrter der Ästhetik – Maler, Fotograf, Modeschöpfer (berühmt für seine plissierten Delphos-Kleider) und Ingenieur. In seinem Schaffen verschwammen die Grenzen zwischen Kunst und Technik. Doch seine vielleicht größte Obsession war das Licht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die elektrische Beleuchtung noch roh und blendend. Glühbirnen waren helle Punkte, die stachen, statt zu schmeicheln. Fortuny, der stark von den Opern Richard Wagners beeinflusst war, suchte nach einem Weg, Licht nicht als reine Helligkeitsquelle, sondern als Atmosphäre zu nutzen.

Alles begann im Theater. Fortuny war unzufrieden mit den damals üblichen bemalten Kulissen, die flach und künstlich wirkten. Er wollte die Illusion eines unendlichen Himmels auf der Bühne erzeugen. So erfand er das „Kuppelhorizont“-System: Eine gewölbte, weiße Wand, die nicht direkt angestrahlt wurde, sondern das Licht von starken Scheinwerfern reflektierte und diffundierte. Das Ergebnis war ein weiches, schattenloses Licht, das die Wahrnehmung von Raum und Tiefe revolutionierte. Es war das erste Mal, dass reflektiertes Licht systematisch eingesetzt wurde, um Stimmung zu erzeugen.

Im Jahr 1907 übertrug er dieses Prinzip vom riesigen Opernhaus in den Maßstab eines einzelnen Objekts. Das Ergebnis war die Stehleuchte „Fortuny Moda“. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Utensil aus einem Fotostudio oder von einem Filmset, und das ist kein Zufall. Die Konstruktion ist pure Funktion: Ein dreibeiniges Stativ aus Metall, höhenverstellbar und robust, trägt einen riesigen, schirmartigen Reflektor. Dieser Schirm ist jedoch das eigentliche Herzstück. Er besteht nicht aus Metall oder Glas, sondern aus Baumwollstoff, der über ein feines Drahtgestell gespannt ist – ähnlich den Rippen eines Regenschirms.

Das Geniale an diesem Design ist die Positionierung des Leuchtmittels. Die Glühbirne sitzt im Inneren des Schirms, ist aber so ausgerichtet, dass sie gegen den Stoff strahlt und nicht direkt in den Raum. Was wir sehen, ist nicht die Lichtquelle selbst, sondern das vom Stoff reflektierte Licht. Fortuny nutzte oft Stoffe mit silberner oder goldener Innenseite, um die Lichtfarbe zu modulieren – silbern für kühles, mondlichtartiges Leuchten, golden für die Wärme einer untergehenden Sonne. Damit nahm er Konzepte der Lichttemperatur vorweg, die in der Lichtplanung erst Jahrzehnte später Standard wurden.

Die Leuchte selbst ist ein Meisterwerk der Proportionen. Trotz ihrer Größe wirkt sie durch die filigrane Stativ-Konstruktion nicht wuchtig. Sie besitzt eine theatralische Präsenz, ohne den Raum zu erdrücken. Fortuny verstand es, Technik sichtbar zu machen, ohne dass sie roh wirkte. Die Schrauben, die Gelenke, die Bespannung – alles ist sichtbar, aber mit einer Eleganz gefertigt, die das Objekt zeitlos macht. Es ist fast ironisch, dass eine Leuchte, die für das Jahr 1907 so futuristisch war, heute oft in klassischen wie auch in hypermodernen Lofts zu finden ist.

Die Bedeutung von Mariano Fortunys Arbeit liegt nicht nur in der Form der Leuchte, sondern in der Philosophie dahinter. Er lehrte uns, dass die Qualität des Lichts wichtiger ist als die Helligkeit. Er zeigte, dass indirektes Licht Räume weicher, gesichter schmeichelhafter und Texturen lebendiger machen kann. Während andere Designer versuchten, die Glühbirne zu verhüllen oder zu dekorieren, nutzte Fortuny sie als reinen Motor, dessen Output erst durch Reflexion veredelt werden musste.

Noch heute, über ein Jahrhundert später, wird die Fortuny-Leuchte produziert und gilt als eines der ersten Beispiele für High-Tech-Design im Wohnbereich. Sie steht als Monument für einen Mann, der verstand, dass Licht wie Farbe auf einer Leinwand behandelt werden muss – nicht einfach aufgetragen, sondern komponiert. Wer heute sein Wohnzimmer mit einem Deckenfluter oder einer indirekten Wandleuchte erhellt, wandelt, vielleicht ohne es zu wissen, auf den Pfaden, die der Magier von Venedig vor über hundert Jahren legte.