Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Ein Origami aus Stahl: Wie Mario Bellini mit der Chiara-Leuchte das Licht faltete
Freitag, 11. September 2026

Ein Origami aus Stahl: Wie Mario Bellini mit der Chiara-Leuchte das Licht faltete

Die späten 1960er Jahre waren eine Epoche des radikalen Umbruchs – gesellschaftlich, technologisch und ästhetisch. Im Bereich des Designs dominierte 1969 das sogenannte "Space Age". Überall experimentierten Designer mit spritzgegossenem Kunststoff, organischen Formen und leuchtenden Farben. Doch inmitten dieser Plastik-Euphorie entschied sich der italienische Architekt und Designer Mario Bellini für einen völlig anderen Weg. Er wandte sich einem flachen, kalten Material zu und schuf durch einen einzigen Akt des Faltens eine der außergewöhnlichsten Leuchten des 20. Jahrhunderts: die Chiara-Leuchte.

Um die Genialität der Chiara zu verstehen, muss man sich zunächst von der klassischen Vorstellung einer Stehleuchte verabschieden. Seit Jahrzehnten folgte das Leuchtendesign einer strengen Anatomie: Es gab einen Fuß für die Stabilität, einen Schaft für die Höhe und einen Schirm zur Streuung des Lichts. Bellini, der durch seine revolutionären Gehäusedesigns für die Rechenmaschinen von Olivetti bereits Weltruhm erlangt hatte, empfand dieses Konzept als überholt. Er wollte keine traditionelle Leuchte entwerfen; er wollte eine Maschine bauen, die das Licht einfängt und in den Raum zurückwirft, ohne dass die Lichtquelle jemals sichtbar wird.

Der Legende nach begann der Entwurfsprozess der Chiara nicht am Zeichenbrett, sondern mit einer Schere und einem Blatt Papier. Bellini experimentierte mit der Zweidimensionalität. Er schnitt eine präzise Silhouette aus dem Papier, rollte den unteren Teil zu einem Zylinder zusammen und ließ den oberen Teil wie eine große Kapuze überhängen. Was im Modell aus Papier wie eine spielerische Origami-Übung aussah, offenbarte eine brillante architektonische Idee: Das Material selbst wird zur Struktur, zum Reflektor und zum Schirm – alles in einem einzigen, nahtlosen Objekt.

Für die Umsetzung wählte Bellini polierten Edelstahl. Dieses Material war stark genug, um als selbsttragender Zylinder den Körper der Leuchte zu bilden, und bot gleichzeitig die perfekte Oberfläche, um das Licht zu reflektieren. Die Konstruktion war ebenso raffiniert wie puristisch: Ein flaches Blech wurde gerollt und an den Rändern fixiert. Im Inneren des so entstandenen Hohlzylinders verbarg sich am Boden die Lichtquelle. Der starke Lichtstrahl richtete sich senkrecht nach oben und traf auf den überhängenden, wie ein Schirmhut geformten Kopf der Leuchte. Von dort wurde das Licht sanft und völlig blendfrei in den Raum gelenkt.

Das Ergebnis war magisch. Die Chiara (italienisch für "die Helle" oder "die Klare") wirkte nicht wie ein technisches Gerät, sondern wie eine abstrakte Skulptur. Mit ihrer markanten, haubenartigen Form erinnerte sie viele Beobachter an die traditionelle Cornette – die gestärkte Kopfbedeckung katholischer Ordensschwestern – oder an eine schützende, leuchtende Gestalt im Raum. Trotz des harten Stahls strahlte die Leuchte eine enorme Weichheit und Poesie aus.

Der italienische Leuchtenhersteller Flos, damals wie heute eine der wichtigsten Institutionen für visionäres Lichtdesign, erkannte das Potenzial dieses unkonventionellen Ansatzes und brachte die Chiara 1969 auf den Markt. In einer Zeit, in der das Design zunehmend komplexer wurde, feierte Bellinis Entwurf die radikale Einfachheit. Die Leuchte kam ohne Gelenke, ohne komplexe Mechanik und ohne aufwendig geformte Glasschirme aus. Sie war im Grunde nichts anderes als ein intelligenter Mantel für das Licht.

Im Laufe der Jahrzehnte avancierte die Chiara zu einer echten Designikone, verschwand jedoch aufgrund der aufwendigen und fehleranfälligen Verarbeitung des schweren Edelstahls zwischenzeitlich aus der Produktion. Erst im Jahr 2020, leicht verzögert zum 50. Jubiläum, legte Flos die Leuchte in enger Zusammenarbeit mit dem inzwischen hochbetagten Bellini neu auf. Statt des schweren Stahls kommt heute leichteres, lasergeschnittenes Aluminium zum Einsatz. Die Kanten sind mit einem feinen Gummiprofil eingefasst, um die Präzision der Form zu betonen, und die heißen Glühbirnen von damals sind einer maßgeschneiderten, hocheffizienten LED-Technik gewichen.

An der Seele des Objekts hat diese technische Modernisierung jedoch nichts verändert. Mario Bellinis Chiara beweist auch heute noch, dass exzellentes Lichtdesign nicht zwingend auf komplexe Technologie angewiesen ist. Manchmal reicht eine geniale Idee, eine flache Fläche und der Mut, das Licht buchstäblich in die richtige Richtung zu falten. Die Leuchte bleibt ein zeitloses Meisterwerk – ein strahlendes Origami, das die Grenze zwischen Industrieobjekt und Kunstwerk mühelos überschreitet.