Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Die Poesie der Reibung: Wie Achille Castiglioni und Pio Manzù mit der Parentesi das Licht zum Schweben brachten
Montag, 1. Juni 2026

Die Poesie der Reibung: Wie Achille Castiglioni und Pio Manzù mit der Parentesi das Licht zum Schweben brachten

Die Geschichte des modernen Lichtdesigns ist reich an Beispielen, in denen Ingenieure und Gestalter versuchten, das Licht flexibel und lenkbar zu machen. Während die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von massiven, mechanischen Gelenkarmen geprägt war, die durch schwere Federn und Gegengewichte in Balance gehalten wurden, suchte die italienische Design-Avantgarde der späten 1960er Jahre nach einer neuen Leichtigkeit. Eines der faszinierendsten Resultate dieser Suche ist die Parentesi-Leuchte – ein Meisterwerk des Minimalismus, das nicht nur durch seine radikale Reduktion besticht, sondern auch eine zutiefst bewegende Entstehungsgeschichte in sich birgt.

Die Ursprünge der Parentesi gehen auf das Jahr 1969 zurück und beginnen mit dem brillanten, aber tragisch kurzen Leben von Pio Manzù. Manzù, ein Absolvent der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm, war in erster Linie als Automobildesigner bekannt geworden. Er war der Schöpfer des Fiat 127, eines der erfolgreichsten Autos der europäischen Geschichte. Doch Manzùs funktionalistischer Geist beschränkte sich nicht auf Fahrzeuge. Er entwarf eine Skizze für eine neuartige Wohnraumleuchte: Eine zylindrische Box, die an einer senkrechten Stange vom Boden bis zur Decke gleiten sollte. Um die Höhe der Lichtquelle zu fixieren, sah Manzù eine Schraube vor. Es war eine pragmatische, aber noch etwas statische Lösung für eine flexible Beleuchtung.

Bevor Manzù seinen Entwurf jedoch weiterentwickeln oder gar in Produktion bringen konnte, kam er 1969 auf dem Weg zur Präsentation des Fiat 127 bei einem Autounfall ums Leben. Er wurde nur 30 Jahre alt. Seine Skizzen und Ideen schienen dazu verdammt, in den Archiven zu verschwinden. Doch seine Witwe erkannte das Potenzial der Leuchten-Skizze und übergab sie einem der einflussreichsten Designer Italiens: Achille Castiglioni.

Castiglioni, der gemeinsam mit seinem Bruder Pier Giacomo bereits Designgeschichte geschrieben hatte, war bekannt für seine Philosophie des 'Ready-Mades' und seine Fähigkeit, Dinge auf ihre absolute Essenz zu reduzieren. Als er Manzùs Skizze studierte, war er von der Grundidee einer vertikal beweglichen Lichtquelle fasziniert. Doch die starre Stange und die Fixierschraube widersprachen seinem Sinn für spielerische Eleganz und minimale Mechanik. Castiglioni beschloss, den Entwurf radikal umzugestalten, um das Konzept der Flexibilität auf eine völlig neue, schwerelose Ebene zu heben.

Der erste geniale Schachzug Castiglionis bestand darin, die massive Stange durch ein hauchdünnes Stahlseil zu ersetzen. Um dieses Seil auf Spannung zu halten, nutzte er kein komplexes Federsystem, sondern pure Schwerkraft. Das Seil wird an der Decke in einer unscheinbaren Rosette befestigt und am Boden von einem zylindrischen, mit schwarzem Gummi überzogenen Bleigewicht straff gespannt. Das Licht schien nun nicht mehr an einem schweren Möbelstück befestigt zu sein, sondern schwebte an einem beinahe unsichtbaren Faden im Raum.

Doch die eigentliche physikalische Meisterleistung war der Mechanismus zur Höhenverstellung. Castiglioni verwarf Manzùs Idee einer Schraube komplett. Stattdessen entwarf er ein kleines, gebogenes Stahlrohr. Die Form dieses Rohrs erinnerte an eine Klammer – auf Italienisch 'Parentesi', was der Leuchte ihren ikonischen Namen gab. Das Stahlseil wird durch dieses gebogene Rohr gefädelt. Der Trick dabei ist reine Physik: Durch die Biegung des Rohrs entsteht eine natürliche Reibung am gespannten Seil. Diese Reibung reicht exakt aus, um das Rohr mitsamt der daran befestigten Lampe auf jeder beliebigen Höhe zu halten.

Möchte der Nutzer die Höhe verändern, genügt ein sanfter Druck auf das Rohr. Die Reibung wird kurzzeitig überwunden, und die Lichtquelle lässt sich butterweich nach oben oder unten schieben. Sobald man loslässt, greift die Physik wieder und die Lampe verharrt millimetergenau in ihrer neuen Position. Es gibt keine Hebel, keine Schalter, keine Rädchen, die abnutzen könnten. Es ist ein Triumph der reinen Funktion, verpackt in eine Ästhetik von unvergleichlicher Leichtigkeit.

Auch bei der Lichtquelle selbst blieb Castiglioni kompromisslos. Anstatt einen aufwendigen Schirm zu entwerfen, ließ er das Leuchtmittel – eine klassische Spot-Glühbirne – völlig nackt. Sie wird lediglich von einer simplen, schwarzen Gummihalterung getragen, die sich am gebogenen Stahlrohr in alle Richtungen schwenken lässt. Diese Reduktion auf das Wesentliche war eine bewusste Verneigung vor dem Industriezeitalter und machte das Licht selbst, nicht das Gehäuse, zum Protagonisten.

Als der Leuchtenhersteller Flos die Parentesi 1971 auf den Markt brachte, war sie eine Sensation. Sogar die Verpackung war revolutionär: Die Einzelteile wurden in einer transparenten Vakuum-Kunststoffverpackung geliefert, ähnlich wie bei einem Modellbausatz. Der Nutzer wurde so zum aktiven Teil des Designprozesses, indem er die Leuchte selbst zusammensetzte und verspannte. 1979 wurde die Parentesi mit dem prestigeträchtigen Compasso d'Oro ausgezeichnet, dem wichtigsten italienischen Industriedesignpreis.

Heute ist die Parentesi nicht nur ein gefeierter Designklassiker, der in den ständigen Sammlungen der wichtigsten Designmuseen der Welt zu finden ist, sondern auch ein Symbol für die Kraft der Kollaboration über den Tod hinaus. Sie verbindet die strenge, funktionale Vision von Pio Manzù mit der poetischen Leichtigkeit und dem physikalischen Einfallsreichtum von Achille Castiglioni. Die Parentesi erinnert uns daran, dass das beste Design oft jenes ist, das am wenigsten bemüht wirkt – ein Design, das komplexe Probleme mit so bestechender Einfachheit löst, dass es wirkt, als hätte es schon immer existiert.