Lichtgeschichten

Einblicke in zwei Jahrhunderte Lichttechnik und Beleuchtung

Das Licht, das Paris erweckte: Pawel Jablotschkow und die Erfindung der elektrischen Kerze
Samstag, 1. August 2026

Das Licht, das Paris erweckte: Pawel Jablotschkow und die Erfindung der elektrischen Kerze

Paris im Jahr 1878. Die Weltausstellung lockte Millionen von Besuchern in die französische Hauptstadt, doch die eigentliche Sensation fand nicht in den Ausstellungshallen statt, sondern auf der Straße. Als die Dämmerung über die berühmte Avenue de l'Opéra hereinbrach, geschah etwas Magisches: Anstelle des üblichen, flackernden und gelblichen Scheins der Gaslaternen erstrahlte die Prachtstraße plötzlich in einem brillanten, blendend weißen Licht. Die Menschen blieben staunend stehen, einige hielten sich sogar die Augen zu, weil die Helligkeit so ungewohnt war. Dieses Ereignis markierte den wahren Moment, in dem Paris zu Recht den Beinamen "Stadt der Lichter" erhielt. Verantwortlich für dieses Wunder war nicht Thomas Edison, sondern ein genialer russischer Ingenieur namens Pawel Jablotschkow (in Frankreich als Paul Jablochkoff bekannt) und seine Erfindung: die Jablotschkowsche Kerze.

Um die Bedeutung dieser Erfindung zu verstehen, muss man einen Blick auf den damaligen Stand der Lichttechnik werfen. Elektrisches Licht war in den 1870er Jahren keine völlig neue Idee. Bereits Jahrzehnte zuvor hatte der Brite Humphry Davy die Bogenlampe erfunden, bei der ein extrem heller Lichtbogen zwischen zwei Kohlestäben erzeugt wurde. Das Problem dieser frühen Bogenlampen war jedoch ihre unbändige Natur. Da die Kohlestäbe durch den enormen Hitzebogen schnell abbrannten, vergrößerte sich der Abstand zwischen ihnen, bis der Stromkreis riss und das Licht erlosch. Um dies zu verhindern, mussten aufwendige und störanfällige Uhrwerkmechanismen eingesetzt werden, die die Stäbe kontinuierlich nachschoben. Diese Lampen waren teuer, laut, wartungsintensiv und für den großflächigen Einsatz völlig ungeeignet.

Pawel Jablotschkow, ein ehemaliger Telegrafeningenieur der russischen Armee, der 1875 nach Paris emigriert war, näherte sich dem Problem mit der Perspektive eines Querdenkers. Seine Lösung, die er 1876 patentieren ließ, war von bestechender Einfachheit und Eleganz. Anstatt die Kohlestäbe mit den Spitzen aufeinander zu richten und mechanisch nachzuführen, stellte Jablotschkow sie einfach parallel nebeneinander auf. Um zu verhindern, dass der Strom den kürzesten Weg nahm, trennte er die beiden Stäbe mit einer isolierenden Schicht aus Gips (Kaolin).

Die Funktion dieser "elektrischen Kerze" war revolutionär: Wenn der Lichtbogen am oberen Ende gezündet wurde, brannten die Kohlestäbe langsam von oben nach unten ab – ganz wie der Docht einer herkömmlichen Wachskerze. Die enorme Hitze des Lichtbogens brachte gleichzeitig die isolierende Gipsschicht zum Schmelzen und Verdampfen. Dieser Vorgang trug nicht nur dazu bei, dass der Abstand der Elektroden stets konstant blieb, sondern das verdampfende Kaolin verlieh dem Licht auch eine zusätzliche Leuchtkraft und eine angenehmere Farbe. Es gab keine beweglichen Teile, keine zahnradgetriebenen Mechanismen und keinen ständigen Wartungsbedarf während des Betriebs. Die Bogenlampe war plötzlich alltagstauglich geworden.

Der Siegeszug der Jablotschkowschen Kerze begann in den Pariser Kaufhäusern "Grands Magasins du Louvre" und gipfelte in der erwähnten Beleuchtung der Avenue de l'Opéra. Die Erfindung löste ein weltweites Beben aus. Investoren gerieten in Panik, und die Aktienkurse der etablierten Gasbeleuchtungsgesellschaften stürzten in London und Paris dramatisch ab. Doch Jablotschkows System brachte noch eine weitere, oft übersehene technologische Revolution mit sich: Da der positive Kohlestab bei Gleichstrom etwa doppelt so schnell abbrannte wie der negative, geriet die Kerze bei herkömmlichen Gleichstromgeneratoren aus dem Gleichgewicht. Um dieses Problem zu lösen, nutzte Jablotschkow Wechselstrom. Sein System war somit die erste kommerzielle Anwendung von Wechselstrom in der Geschichte der Elektrotechnik – ein Prinzip, das sich später als Standard für die weltweite Stromversorgung durchsetzen sollte.

Trotz ihres kometenhaften Aufstiegs war der Jablotschkowschen Kerze kein langes Leben beschieden. Ihre Nachteile waren letztlich zu gravierend für die Innenraumbeleuchtung: Das Licht war für Wohnräume viel zu grell, die Verbrennungsgase mussten abgeführt werden, und eine einzelne Kerze brannte nur etwa eineinhalb bis zwei Stunden, bevor sie ausgetauscht werden musste (weshalb man bald Leuchten mit umschaltbaren Kerzenbündeln entwickelte). Als Thomas Edison und Joseph Swan nur wenige Jahre später, um 1879 und 1880, die Glühlampe mit Kohlefaden perfektionierten, war das Schicksal der elektrischen Kerze besiegelt. Das weiche, langlebige und teilbare Licht der Glühbirne eroberte bald darauf die Wohnzimmer der Welt.

Dennoch bleibt die Jablotschkowsche Kerze ein monumentaler Meilenstein in der Geschichte der Lichttechnik. Sie bewies der Weltöffentlichkeit erstmals, dass Elektrizität nicht nur ein physikalisches Kuriosum, sondern eine reale, nutzbare Energiequelle für die städtische Infrastruktur war. Pawel Jablotschkow riss die Straßen von Paris aus dem Zeitalter des Gases und stieß das Tor zur elektrischen Epoche weit auf. Wenn wir heute durch hell erleuchtete nächtliche Boulevards spazieren, wandeln wir im fernen Nachglanz jener ersten elektrischen Kerzen, die 1878 das Dunkel der Geschichte erhellten.