
Britischer Pragmatismus trifft Bauhaus-Ästhetik: Robert Dudley Best und die Bestlite
Wenn wir an die großen Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts denken, wandert der Blick oft nach Deutschland, Italien oder Skandinavien. Doch eine der einflussreichsten Leuchten der Moderne, die die Brücke zwischen strenger Industrieästhetik und eleganter Wohnraumbeleuchtung schlug, stammt aus Großbritannien. Es ist die Geschichte von Robert Dudley Best und seiner legendären Schöpfung: der Bestlite.
Die Geschichte beginnt in den 1920er Jahren in Birmingham. Robert Dudley Best war der Erbe der damals weltgrößten Leuchtenmanufaktur Best & Lloyd. Das Unternehmen war erfolgreich, aber konservativ; es produzierte reich verzierte, viktorianische Leuchter, die den Geschmack des 19. Jahrhunderts atmeten. Doch der junge Best spürte, dass sich die Welt veränderte. Die alten Formen wirkten auf ihn verstaubt und nicht mehr zeitgemäß. Getrieben von dem Wunsch nach Erneuerung unternahm er eine Reise, die nicht nur sein Leben, sondern auch die Geschichte des britischen Designs verändern sollte.
Seine Reise führte ihn auf den europäischen Kontinent, wo die „Internationale Ausstellung für moderne dekorative Kunst und Kunstgewerbe“ in Paris 1925 und vor allem die aufkeimende Bauhaus-Bewegung in Deutschland seine Sichtweise radikalisierten. In Dessau und später in Düsseldorf kam Best mit den Ideen von Walter Gropius und Mies van der Rohe in Berührung. Er war fasziniert von der „Neuen Sachlichkeit“, dem Verzicht auf überflüssiges Ornament und der Doktrin „Form folgt Funktion“. Best erkannte, dass die Leuchte der Zukunft nicht ein dekoratives Objekt sein sollte, das zufällig Licht spendet, sondern ein präzises Instrument zur Lichtlenkung.
Zurück in England, setzte sich Best an das Reißbrett. Das Ergebnis war die Bestlite BL1, die 1930 auf den Markt kam. Sie war ein Schock für die konservative Belegschaft von Best & Lloyd. Die Leuchte war radikal einfach: Ein schwerer, runder Standfuß sorgte für Stabilität, ein verchromter Arm ragte in die Höhe und hielt einen schlichten, glockenförmigen Schirm aus pulverbeschichtetem Metall. Das Geniale an der Konstruktion war jedoch ihre Beweglichkeit. Durch ein Kugelgelenk am Fuß und einen verschiebbaren Arm konnte das Licht in fast jede denkbare Position gebracht werden. Es war pure Funktionalität, gegossen in eine fast asketische Form.
Der Anfang war steinig. Die traditionellen Kunden der Manufaktur verschmähten das moderne Design als zu kalt und industriell. Tatsächlich fand die Bestlite ihre ersten Abnehmer nicht in den Wohnzimmern der britischen Oberschicht, sondern in Autowerkstätten und den Hangars der Royal Air Force. Mechaniker schätzten sie, weil sie das Licht punktgenau dorthin lenken konnten, wo an Motoren geschraubt wurde. Die Bestlite drohte, als rein technisches Werkzeug in der Versenkung zu verschwinden, wäre da nicht das geschulte Auge der Architekturkritiker gewesen.
Der Wendepunkt kam, als das renommierte „Architects’ Journal“ die Leuchte als das erste Beispiel für echtes Bauhaus-Design in Großbritannien adelte. Plötzlich sahen Architekten und Intellektuelle in der Bestlite nicht mehr nur eine Werkstattleuchte, sondern ein Statement der Moderne. Den endgültigen Ritterschlag erhielt sie jedoch durch einen der berühmtesten Männer der Weltgeschichte: Winston Churchill. Es wird berichtet, dass Churchill eine Bestlite auf seinem Schreibtisch in Whitehall stehen hatte und sie auf seinen zahlreichen Reisen mitführte. Die Vorstellung, dass der britische Premierminister im Schein dieser modernistischen Leuchte Strategien gegen den Faschismus entwarf, zementierte ihren Status als britische Ikone.
Was die Bestlite bis heute so faszinierend macht, ist ihre Zeitlosigkeit. Sie wirkt weder retro noch futuristisch, sondern schlichtweg „richtig“. Sie verkörpert den Moment, in dem die industrielle Revolution ihren Frieden mit der Ästhetik machte. Robert Dudley Best hatte bewiesen, dass eine Leuchte maschinell gefertigt, vollkommen funktional und dennoch von einer fast skulpturalen Schönheit sein konnte.
Heute wird die Bestlite von der dänischen Marke Gubi produziert und findet sich in den stilvollsten Interieurs der Welt wieder – vom Loft in New York bis zum Landhaus in der Toskana. Sie bleibt ein leuchtendes Denkmal für den Mut eines Mannes, der sich gegen die Tradition seines eigenen Unternehmens stellte, um das Licht der Moderne nach England zu bringen.