
Die Mechanik der Eleganz: Wie die Tolomeo-Leuchte die Schreibtische der Welt eroberte
Wenn wir an die prototypische Architektenleuchte denken, haben wir oft sofort ein ganz bestimmtes Bild im Kopf: glänzendes Aluminium, sichtbare Gelenke, filigrane Stahlseile und ein konischer Schirm, der das Licht präzise dorthin lenkt, wo Gedanken zu Papier gebracht werden. Es ist die „Tolomeo“, entworfen im Jahr 1987 von Michele De Lucchi und Giancarlo Fassina für den italienischen Hersteller Artemide. Sie ist nicht einfach nur eine Lampe; sie ist eine Ikone des Industriedesigns, die den Spagat zwischen technischer Nüchternheit und eleganter Wohnlichkeit wie kaum ein anderes Objekt des späten 20. Jahrhunderts meisterte.
Um die Bedeutung der Tolomeo zu verstehen, muss man den designhistorischen Kontext betrachten, in dem sie entstand. Die 1980er Jahre waren eine Zeit der Extreme. Auf der einen Seite stand die radikale, bunte und oft absichtlich „antifunktionale“ Ästhetik der Memphis-Gruppe, der Michele De Lucchi selbst angehörte. Auf der anderen Seite dominierte in den Büros noch oft das schwere, schwarze und hochtechnische Design, das Richard Sapper mit seiner Tizio-Leuchte in den 70ern etabliert hatte. De Lucchi suchte nach einem Ausweg aus diesem Dualismus. Er wollte eine Leuchte schaffen, die traditionell in ihrer Funktion, aber radikal neu in ihrer Ausführung war. Sie sollte die vertraute Form der klassischen Gelenkleuchte (wie der Anglepoise aus den 30ern) aufgreifen, aber die veraltete Technik der Federn durch etwas Moderneres ersetzen.
Die zündende Idee kam De Lucchi angeblich beim Beobachten von Anglern in Apulien. Er war fasziniert von der Mechanik der „Trabucchi“, traditioneller Fischereiplattformen, die mit langen Armen und Seilen arbeiteten, um Netze ins Wasser zu lassen und wieder hochzuziehen. Dieses Prinzip der Zugspannung übertrug er auf den Schreibtisch. Anstatt Federn, die mit der Zeit ausleiern oder quietschen könnten, nutzt die Tolomeo ein ausgeklügeltes System aus federspannenden Stahlseilen, die im Inneren der Aluminiumarme verlaufen und über sichtbare Umlenkrollen an den Gelenken geführt werden. Diese Konstruktion erlaubt es, die Leuchte mit einer einzigen Handbewegung in jede gewünschte Position zu bringen, wo sie dann wie von Geisterhand verharrt. Es ist ein Triumph der Statik über die Schwerkraft.
Doch De Lucchi war kein Ingenieur, sondern Architekt und Designer. Für die technische Umsetzung holte er sich Giancarlo Fassina an die Seite, dessen Beitrag essenziell war, um die visionäre Skizze in ein funktionierendes Produkt zu verwandeln. Gemeinsam entschieden sie sich für ein Material, das damals im Wohnbereich noch nicht allgegenwärtig war: poliertes und eloxiertes Aluminium. Im Gegensatz zu den lackierten Metallen der Vorgängergenerationen wirkte das Aluminium der Tolomeo „ehrlich“, leicht und technisch, ohne kalt zu sein. Der matte Schimmer des Materials reflektiert das Licht der Umgebung und lässt die Leuchte, trotz ihrer beachtlichen Größe, optisch zurücktreten.
Ein weiteres Geniestreich war der Leuchtenkopf. Er ist nicht fest fixiert, sondern lässt sich durch einen kleinen Bügel in alle Richtungen drehen. Dieser kleine Metallbügel ist mehr als nur ein Griff; er ist ein visuelles Zitat, das an technische Arbeitsgeräte erinnert, aber so filigran ausgeführt ist, dass es fast wie Schmuck wirkt. Zudem verfügt der Schirm über eine kleine Öffnung an der Oberseite, die einen Hauch von Licht nach oben entweichen lässt – ein Detail, das die harte Dunkelheit oberhalb des Lichtkegels aufbricht und für eine angenehmere Raumatmosphäre sorgt.
Der Name „Tolomeo“ (italienisch für Ptolemäus) folgt der Tradition von Artemide, Leuchten nach großen Astronomen und Mathematikern zu benennen, auch wenn Ptolemäus‘ geozentrisches Weltbild längst überholt war. Die Leuchte selbst hingegen war ihrer Zeit voraus. Als sie 1987 auf den Markt kam, traf sie den Nerv einer Generation, die sich nach „High-Tech-Gemütlichkeit“ sehnte. Sie passte in das hochmoderne Loft ebenso wie auf den antiken Sekretär. Sie war das Symbol für den kreativen Professionalismus.
Heute, über drei Jahrzehnte später, ist die Tolomeo-Familie zu einem riesigen System gewachsen – von der winzigen Micro-Version bis zur riesigen Outdoor-Leuchte. Doch das Original bleibt unerreicht. Sie gewann 1989 den prestigeträchtigen „Compasso d'Oro“ und bewies, dass gutes Design nicht laut schreien muss. Michele De Lucchi gelang es, die Mechanik nicht zu verstecken, sondern sie zu ästhetisieren. Die sichtbaren Seile und Gelenke sind keine Notwendigkeit, die man toleriert, sondern das Herzstück des Designs. Damit definierte die Tolomeo das Genre der Arbeitsleuchte neu und bleibt ein leuchtendes Beispiel dafür, wie technische Innovation und zeitlose Ästhetik eine perfekte Symbiose eingehen können.