
Der Mond auf dem Nachttisch: Vico Magistretti und die geniale Mechanik der Eclisse
Es war das Jahr 1965, eine Zeit, in der das „Space Age“ die Ästhetik des Alltags zu durchdringen begann und die Menschheit gespannt zum Mond blickte. In Mailand, dem pulsierenden Herzen des italienischen Designs, saß ein Architekt und Designer in der U-Bahn und dachte über ein Problem nach, das so alt war wie das künstliche Licht selbst: Wie reguliert man die Helligkeit einer Glühbirne, ohne auf komplizierte oder damals noch unzuverlässige elektronische Dimmer zurückgreifen zu müssen? Der Name dieses Mannes war Vico Magistretti, und die Skizze, die er angeblich auf der Rückseite seiner Fahrkarte anfertigte, sollte zu einer der ikonischsten Leuchten des 20. Jahrhunderts führen: der „Eclisse“ für Artemide.
Die Geschichte der Eclisse ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie eine simple mechanische Lösung ein komplexes technisches Problem lösen und dabei eine zeitlose ästhetische Form schaffen kann. Magistretti, der tief im Rationalismus verwurzelt war, aber stets eine spielerische Note in seine Arbeiten einbrachte, ließ sich von der Funktionalität der sogenannten „Blendlaternen“ inspirieren. Diese historischen Laternen, wie sie unter anderem von Bergleuten oder in der Literatur bei Jean Valjeans Flucht in „Les Misérables“ verwendet wurden, besaßen eine mechanische Klappe, um den Lichtstrahl bei Bedarf zu verbergen, ohne die Flamme zu löschen. Magistretti übertrug dieses archaische Prinzip in die moderne Welt des elektrischen Lichts und der Pop-Art-Ästhetik.
Das Design der Eclisse ist von bestichender geometrischer Reinheit. Die Leuchte besteht im Wesentlichen aus drei Halbkugeln. Die äußere, feststehende Schale bildet den Körper und den Fuß der Leuchte. Im Inneren befindet sich eine zweite, ebenfalls feststehende Schale, die das Leuchtmittel hält. Der Clou jedoch ist die dritte, innere Halbkugel: Sie ist drehbar gelagert und lässt sich manuell über die Lichtquelle schieben. Durch das einfache Drehen dieser inneren Schale kann der Benutzer den Lichtaustritt stufenlos regulieren – von voller Helligkeit über diffuses Licht bis hin zur totalen Verdeckung, die nur noch einen sanften Schein um die Ränder zulässt.
Der Name „Eclisse“ (italienisch für Sonnen- oder Mondfinsternis) ist dabei Programm. Wenn man die innere Schale langsam vor die Glühbirne schiebt, imitiert die Leuchte präzise das astronomische Phänomen einer Finsternis. Aus einem vollen Lichtkreis wird eine Sichel, bis schließlich Dunkelheit eintritt oder umgekehrt der „Mond“ wieder zum Vorschein kommt. Diese Interaktion macht den Nutzer zum aktiven Gestalter der Lichtstimmung. Es ist kein unpersönlicher Schalter oder ein unsichtbarer Widerstand, der das Licht dimmt, sondern eine physische Geste, die das Objekt verändert. Die Leuchte fordert dazu auf, angefasst und manipuliert zu werden, was ihr eine haptische Qualität verleiht, die vielen modernen Beleuchtungsobjekten fehlt.
Materialtechnisch setzte Magistretti auf lackiertes Metall, was der Leuchte eine robuste, industrielle Qualität verlieh, die dennoch wohnlich wirkte. Die Eclisse kam in kräftigen Primärfarben wie Orange, Rot, Gelb sowie in Weiß und Silber auf den Markt. Diese Farbgebung entsprach perfekt dem Zeitgeist der 1960er Jahre, in denen Kunststoffmöbel und poppige Farben die bürgerlichen Wohnzimmer eroberten. Doch anders als viele kurzlebige Modeerscheinungen jener Ära, wirkte die Eclisse nie kitschig. Ihre Form war streng mathematisch hergeleitet und folgte der Funktion so radikal, dass sie fast schon wieder skulptural wirkte.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1967 wurde die Eclisse mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet, dem wohl prestigeträchtigsten Designpreis Italiens. Die Jury würdigte die intelligente Verbindung von einfacher Mechanik und formaler Eleganz. Für den Leuchtenhersteller Artemide wurde die Eclisse zu einem Grundstein des Erfolgs und festigte den Ruf des Unternehmens als Avantgarde-Labor für Lichtdesign. Sie bewies, dass gutes Design nicht teuer oder kompliziert sein muss; die Eclisse war ein erschwingliches Industrieprodukt, das demokratisches Design im besten Sinne verkörperte.
Auch aus lichttechnischer Sicht war die Eclisse ihrer Zeit voraus. Während viele Leuchten der 60er Jahre oft mehr blendeten als beleuchteten, bot Magistrettis Entwurf die Möglichkeit, direktes Licht (zum Lesen) und indirektes, atmosphärisches Stimmungslicht in einem einzigen Gerät zu vereinen. Sie konnte als Tischleuchte fungieren, ließ sich aber auch an der Wand montieren, was ihre Vielseitigkeit noch unterstrich. Die Abschirmung des Leuchtmittels verhinderte zudem den direkten Blick in die grelle Glühbirne, ein Prinzip, das auch Poul Henningsen verfolgte, das Magistretti hier aber auf eine spielerischere, weniger dogmatische Weise löste.
Heute, fast 60 Jahre nach ihrem Entwurf, wird die Eclisse immer noch produziert und verkauft. Sie hat den Übergang von der Glühbirne zur LED mühelos überstanden, da ihr mechanisches Dimmprizip universell funktioniert und nicht von der Art des Leuchtmittels abhängt. In einer Welt, die zunehmend von Touchscreens, Sprachsteuerung und unsichtbarer Technologie dominiert wird, bietet die Eclisse eine fast therapeutische Rückkehr zur Mechanik. Das befriedigende Gefühl, die Metallschale zu drehen und den eigenen kleinen Mond auf dem Nachttisch zu steuern, hat nichts von seiner Faszination verloren. Vico Magistretti hat mit diesem kleinen, kugelförmigen Objekt bewiesen, dass die besten Lösungen oft die einfachsten sind – eine Lektion in Design, die zeitlos bleibt.